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Was ist Migräne?



Migräne ist eine sehr häufige Kopfschmerzart: In Deutschland sind rund 12% der Frauen und 7% der Männer betroffen. Migräne manifestiert sich meist in der Jugend oder im jüngeren Erwachsenenalter, beginnt aber nicht selten auch schon im Grundschul- oder sogar Vorschulalter.

Migräne gehört zu den so genannten primären Kopfschmerzen - dies bedeutet, dass der Migräne keine andere Krankheit zugrunde liegt: die Migräne selbst ist die Erkrankung. Es hat deswegen auch keinen Sinn, nach der "Ursache" von Migräne z.B. mit bildgebenden Verfahren suchen zu wollen. Die Diagnose wird also nicht mit technischen Mitteln gestellt, sondern aus dem Gespräch mit dem Fachmann. In der Regel ist dies nicht schwierig, denn die Migräne bietet ein typisches Erscheinungsbild, das kaum zu verwechseln ist und durch wiederkehrende Episoden eines meist heftigen bis sehr heftigen, ein- oder beidseitigen Kopfschmerzes gekennzeichnet ist, der häufig hinter dem oder den Augen oder aber am Hinterkopf lokalisiert ist. Die Schmerzattacke dauert unbehandelt mindestens vier Stunden, bei Erwachsenen aber meist ein bis drei Tage. Der Schmerz ist oft pulsierend und verstärkt sich bei geringer körperlicher Belastung. Die Betroffenen suchen deshalb meist die Ruhe und ziehen sich zurück, zumal begleitend Symptome wie Übelkeit (manchmal bis zum Erbrechen) sowie Licht-, Geräusch- und Geruchsüberempfindlichkeit vorkommen, die den Rückzugswunsch noch verstärken. So sind Migränetage oft "verlorene Tage", an denen die normale Leistungsfähigkeit mehr oder weniger eingeschränkt bis oft sogar aufgehoben ist. Gerade wenn solche Attacken häufiger vorkommen, ist Migräne deshalb eine sehr beeinträchtigende Erkrankung.

Manchmal kommt es schon am Tag vor den Schmerzen zu sogenannten Vorboten: Dabei kann es sich u.a. um Heißhunger (auch gezielt auf bestimmte Nahrungsmittel), Stimmungsschwankungen, vermehrtes Gähnen oder häufiges Wasserlassen handeln. Diese Vorboten, die auf Nachfrage nach meiner Erfahrung von etwa 30% der Betroffenen angegeben werden, sind also bereits die ersten Zeichen der beginnenden Migräneattacke.
Etwa 20% der Betroffenen erleben dann kurz vor Beginn der Schmerzen eine sogenannte Aura. Dabei handelt es sich um 15 bis 60 Minuten andauernde neurologische Reiz- und Ausfallerscheinungen, am häufigsten in Gestalt von Sehstörungen wie Flimmern, Blitze, Zackenlinien und Gesichtsfeldausfälle. Seltener sind auch Gefühlsstörungen, Sprachstörungen und andere Manifestationen möglich. Migräne kann also eine recht komplexe Symptomatik umfassen. Keinesfalls besteht die Migräne also "nur" aus dem Schmerzgeschehen!

Welche Abläufe im Gehirn der Migräne zugrunde liegen, ist noch nicht vollständig verstanden. Einigkeit besteht heute darin, Migräne als eine Funktionsstörung bestimmter Gehirnareale zu betrachten. Grundlegend scheint es so zu sein, dass das Gehirn eines Betroffenen insofern als in gewisser Weise überempfindlich betrachtet werden kann, als (im Intervall, also zwischen den Attacken) wiederkehrende Reize offenbar schlechter gefiltert werden als beim Gesunden. Ein Beispiel: Wenn in einem leeren Zimmer ein Wecker laut tickt, werde ich als Gesunder das Geräusch nach einiger Zeit "ausblenden", also nicht mehr wahrnehmen. Genau diese Funktion ("Habituation") scheint bei Migräne defizitär zu sein. Deswegen empfinden viele Betroffene wiederkehrende (z.B. optische) Reize als ausgesprochen unangenehm.

Als Auslöser der Attacken kann man sich dann eine allmählich sich aufbauende Reizüberlastung vorstellen, oft begünstigt durch eine variable Kombination aus inneren und äußeren Einflussfaktoren (wie z.B. Hunger, Schlafmangel, Stress, Hormonschwankungen im weiblichen Zyklus). Insoweit ist Migränebetroffenen ein möglichst regelmäßiges Leben auch hinsichtlich des Schlaf- und Essverhaltens zu empfehlen. Perfektionistische Verhaltensweisen ("Ich muss immer alles ganz genau und exakt erledigen") können überprüft und modifiziert, Entspannungstechniken erlernt werden. Ebenso ist nachgewiesen, dass regelmäßiger moderater Ausdauersport vorbeugend wirksam ist.

Die medikamentöse Behandlung der Schmerzattacke kann sich bei leichteren oder mittelstarken Schmerzen auf herkömmliche Medikamente wie Ibuprofen oder Acetylsalicylsäure stützen. Für mittelstarke bis starke Schmerzen ist der Einsatz eines spezifischen Migränemedikaments aus der Gruppe der Triptane anzuraten. Alle Medikamente wirken besser, wenn sie frühzeitig im Verlauf eingenommen werden. Häufig lässt sich so eine ausgesprochen zufriedenstellende Besserung erreichen. Bei sehr starken Attacken oder beim Auftreten von Erbrechen können Triptane alternativ auch als Nasenspray oder als Injektion unter die Haut angewendet werden. Die Verträglichkeit der Triptane ist in aller Regel gut bis sehr gut.

Sorgfältig beachtet werden muss allerdings der Hinweis, dass eine gewisse Einnahmehäufigkeit nicht überschritten werden sollte. Bei Schmerzmitteln wie ASS oder Ibuprofen ("NSAR") können Magengeschwüre oder im Extremfall langfristig Nierenschäden auftreten, vor allem aber kann der zu häufige Gebrauch den Kopfschmerz verschlimmern und chronifizieren. Diese scheinbar paradoxe Situation wird als "Kopfschmerz bei Medikamentenübergebrauch" bezeichnet. Ein Risiko hierfür besteht, wenn über mehr als drei Monate an mehr als 10 Tagen Schmerzmittel und/oder Triptane eingenommen werden.

Es ist deshalb sehr sinnvoll, einen Kopfschmerzkalender zu führen, der Häufigkeit und Schwere der Attacken, aber auch den Medikamentenverbrauch erfasst. Dies ist ansonsten aus der Erinnerung heraus meist nicht mehr zuverlässig zu möglich. Meinen Kopfschmerzkalender zum Download finden Sie hier. Noch besser eignen sich allerdings Apps, wobei ich insbesondere diejenige aus der Schmerzklinik Kiel empfehlen möchte ("Migräne-App").

Wenn also Ihre Migränehäufigkeit so hoch ist, dass eine derartig häufige Medikamenteneinnnahme eingetreten ist oder droht, sollten Sie unbedingt die Möglichkeiten einer medikamentösen Vorbeugung kennenlernen. Wir verfügen über eine Reihe von Medikamenten, die - auf täglicher Basis eingenommen - in der Lage sind, bei vielen Betroffenen die Häufigkeit und/oder Heftigkeit von Migräneattacken zu senken. Dieser Effekt tritt nicht sofort ein, sondern nach einer gewissen Vorlaufzeit. Wenn diese Therapie erfolgreich verläuft, kann sie das Leben der Betroffenen erheblich verbessern: weniger Schmerzen, weniger Ausfallzeiten, mehr Teilnahme an Aktivitäten, weniger Schmerzmittel - insgesamt also eine höhere Lebensqualität. Trotzdem wird empfohlen, die Prophylaxe nach etwa 12 Monate zu beenden. Man kann dann abwarten, wie sich der Verlauf der Migräne ab diesem Zeitpunkt darstellt.

Literaturempfehlung: Ch. Gaul u.a.: Patientenratgeber Kopfschmerzen und Migräne. ABW Wissenschaftsverlag Berlin 2012.

Dr. B. Kukowski, Göttingen
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